Schlappe Digitalisierung

Die Begriffe „Digitalisierung“ und „Industrie 4.0“ sind in den Wirtschaftsnachrichten mittlerweile inflationär im Gebrauch. Sie werden oft mit einem umfassenden Wandel der Arbeitswelt und der Bedingungen industrieller Produktion in Zusammenhang gebracht. Die unter diesen Begriffen zusammengefassten Vorgänge sind Teil der in enger Beziehung zueinander stehenden Metaprozesse der Mediatisierung und Globalisierung. Auf lange Sicht, das ist ziemlich sicher, wird sich kein Unternehmen diesem Wandel entziehen können.

Um so mehr verwundert es, dass viele Entscheider sich dem Thema weiterhin nur zögerlich stellen. So  sieht dieser Artikel in der Computerwoche noch viel Nachhilfebedarf bei der Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Der Vergleich mit einem Schulabschluss, der in dem Artikel aufgemacht wird, ist jedoch kaum geeignet, die tatsächlichen Anforderungen zu beschreiben. Ein „Abschluss“ lässt ein Ende des Prozesses vermuten — die jetzt bereits laufenden Mechanismen werden sich aber auch in Zukunft weiter verändern und einem steten Wandel unterworfen sein. Das die Firmen dennoch Ihre Hausaufgaben machen müssen, stellt auch ein Beitrag auf Finanzen.net fest und sieht erhebliche Defizite beim Umgang mit der Digitalisierung.

Digitalisierung nur bei 6% der Großunternehmen Thema #1

Den beiden Artikeln liegen zwei verschiedene Studien zugrunde. In der von Finanzen.net herangezogenen Untersuchung hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) eine Befragung von rund 2.000 Führungskräften und Vorständen von Großunternehmen in Deutschland durchgeführt. Demnach ist der Stellenwert der digitalen Transformation in den vorangehenden 12 Monaten zwar deutlich gestiegen, das Thema ist jedoch nur bei 35% eines von drei Topthemen und hat bei nur 6% der Unternehmen ab 250 Millionen Umsatz Top-Priorität.

Die zweite Untersuchung, an der auch viele deutsche Unternehmen teilnahmen, zeigt in der Tendenz ein ganz ähnliches Ergebnis — aus einer anderen Perspektive. In der von Arthur D. Little durchgeführten Studie wurden 100 Global Player unter dem Gesichtspunkt ihrer Transformationsmaßnahmen unter die Lupe genommen. Hier haben unter anderem BMW, Volkswagen, die RWE, der Versicherer Allianz und Airbus teilgenommen. Die Unternehmensberatung hat hierfür einen „Digital Transformation Index“ definiert. Der Mittelwert liegt hier bei 3,92 von 10 möglichen Punkten. Mit den Zahlen nimmt es der Artikel in der Computerwoche nicht so genau, diese Grafik aus der Studie selber (PDF) zeigt jedoch auch hier einen ungefähren Wert von 35% für den Wert „Advanced Use“ — vergleichbar mit den Top-3 aus der GfK-Befragung.

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Woran liegt es?

Neben Sicherheitsbedenken und mangelhaftem Know-how bei den Entscheidern setzt die erfolgreiche Umsetzung bspw. der Digitalisierung von Geschäftsprozessen das Vorhanden-Sein einer entsprechenden Infrastruktur voraus. Denn ohne einen Breitband-Anschluss kann das Unternehmen auf der „Grünen Wiese“ nur schwerlich davon überzeugt werden, z.B. die eigene IT in die Cloud auszulagern und somit für mehr Flexibilität für die eigene Ausstattung zu sorgen. Hier tut sich zwar etwas, jedoch ist das Konzept, in dem insbesondere die Deutsche Telekom eine wichtige Rolle spielt, bei weitem nicht unumstritten. Durch die Möglichkeit, bisher nicht näher definierten Spezialdiensten bevorzugt mehr Bandbreite einzuräumen zeigte sich bereits im Oktober letzten Jahres ein Problem, dass sich mit dem möglichen De-Facto-Monopol über die Kupferdrähte und die „Letzte Meile“ noch verschärfen könnte. Für Innovationstreiber, wie z.B. Start-ups, würde ein solcher Wegezoll mit Sicherheit ein Entwicklunngs-Hemmnis darstellen. Nach anhaltendem Widerstand aus der Branche prüft jetzt auch die EU-Kommission die deutschen Pläne zum Breitbandausbau.

Die Studien:

Arthur D. Little: Digital Transformation – How to become Digital Leader

http://www.adlittle.de/uploads/tx_extthoughtleadership/ADL_HowtoBecomeDigitalLeader_01.pdf

etventure mit GfK Nürnberg: Deutschlandstudie Digitale Transformation in Großunternehmen

http://www.etventure.de/blog/deutschland-studie-digitale-transformation/

 

 

 

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