Innovation und Science Fiction

Als jemand, der noch mit sechs Fernsehkanälen und drei Groschen für die Telefonzelle aufwuchs, kommt mir die technisierte Welt von heute oft sehr „wie Science Fiction“ vor. In der Tat gibt es viele Werkzeuge, die wir heute ganz selbstverständlich in den Alltag integriert haben, die vor ein paar Jahren noch ausschließlich als Konzeptstudie oder als Idee von Science Fiction Autoren existierten. Dem Verhältnis von Science Fiction und Innovation geht der irisch-amerikanische Wissenschaftsautoren Stephen Cass nach, der auf der diesjährigen CeBIT Global Conference einen Einblick in die Materie gab.

Stephen Cass ist Wissenschaftsjournalist bei IEEE Spectrum und beschäftigt sich u.a. damit, wie Unternehmen das Genre als Innovationspotential nutzen können. In seinem Vortrag schlug er vor, Begriffe aus der SF als Metapher zur Verständigung zu nutzen, um technische Sachverhalte einfach erklären zu können. Dies funktioniert in der Kommunikation zur Zielgruppe eines zu entwickelnden Produktes genauso wie innerhalb eines Unternehmens. So kann zum Beispiel abteilungsübergreifend über Entwicklungen gesprochen werden. Auch als Innovationsimpuls könnte dieses Vorgehen genutzt werden – Cass schlug etwa vor, jemanden zu engagieren, der sich professionell mit diesem Genre beschäftigt.

Stephen Cass bei den Global Conferences 2016

Stephen Cass bei den Global Conferences 2016

Science & Fiction: Beispiele

Als Beispiele nannte der Journalist und Wissenschaftler etwa Neal Stephensons Roman „Snow“ Crash, in dem eine virtuelle Nebenwelt, das „Metaversum“, beschrieben wird. Die Nutzung des Ausdrucks Avatar in Zusammenhang mit Online-Identitäten geht auf dieses Werk zurück. Die Idee des Mobiltelefons sieht Cass im „Star Trek“ Communicator vorausgedacht. Viele ethische Fragen rund um das Thema „Künstliche Intelligenz“ werden in der Fernsehserie „Humans“ angesprochen, die auf der schwedischen Produktion „Real Humans“ basiert. Hier werden ursprünglich als Arbeits- und Entertainment-Werkzeuge erdachte Androiden zu Individuen, indem ihre Programmierung erweitert wird und sie so „freigeschaltet“ werden. Weitaus präziser, als wir es etwa aus „Star Trek“ (Lieutenant Commander Data, The Doctor) kennen, werden hier Fragen der persönlichen Freiheit – und wer ein Recht auf Individualität hat – behandelt.

Science Fiction zur Verständigung nutzen

Begriffe und Ideen aus der SF-Literatur können genutzt werden um

  • innerhalb einer Gruppe oder Abteilung zu kommunizieren
  • sich abteilungs- oder gruppenübergreifend zu verständigen
  • über die Grenzen der Technologie hinaus zu denken
  • Trends vorausschauend zu erkennen

Cass führte weiter aus, Firmen könnten auch selbst eine SF-Story schreiben, um Ideen für Innovationen auszuformulieren. Es müsste nicht unbedingt ein guter Text werden und auch Klischees und Plots „von der Stange“ sollten kein Hindernis sein.

Mit „Future Visions“ hat z.B. Microsoft eine Anthologie von SF-inspirierten Texten herausgebracht. Intel hat sich mit dem „Tomorrow Project“ dem Thema ebenfalls angenommen. Das neueste Werk von Stephen Cass heißt „Hollyweird Science“ und ist bei Springer erschienen. Der Vortrag auf der CeBIT Global Confercenc kann hier angeschaut werden und hier findet sich die CeBIT-Berichterstattung des IEEE Spectrum.

Ergänzen möchte ich diese Reihe mit zwei eigenen Beispielen für wahrgewordene Science Fiction – ich bin mir sicher, der hier beschriebene kurze Überblick ließe sich nach Belieben erweitern!

Implantierte Chips bei Futurama

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Bild © Twentieth Century Fox Home Entertainment Germany / ProSiebenSat.1 TV Deutschland GmbH

Für viel Aufsehen auf der diesjährigen CeBIT sorgten Drohnen, Emotionen imitierende Roboter, die u.a. im Verkauf eingesetzt werden, sowie die Firma Digiwell, die den Besuchern anbot, sich einen RFID-Chip implantieren zu lassen. Damit können z.B. Zugangscodes gespeichert werden. In Schweden wird diese neue Technologie bereits im Arbeitsalltag getestet. In der ersten Folge der Zeichentrickserie Futurama (1999) passiert etwas ganz ähnliches: Hier soll dem gerade 1.000 Jahre in der Zukunft aus dem Tiefkühlschlaf erwachten Philip J. Fry sein „Career Chip“ implantiert werden, auf welchem der ihm zugewiesene Beruf gespeichert ist. Fry entzieht sich der Prozedur und heuert beim interstellaren Zustelldienst „Planet Express“ an, woraufhin die Serie über viele vergnügliche Staffeln ihren Lauf nimmt.

Stanislaw Lem als Erfinder des E-Books und -Readers

Im 1961 erschienenen Roman „Transfer“ des polnischen Autoren Stanislaw Lem wird eine Buchhandlung – inkl. Roboter-Servicekraft – so beschrieben:

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Stanisław Lem, 1966 – Foto: Wojciech Zemek © CreativeCommons CC-BY-SA 3.0

„Die Buchhandlung erinnerte an ein elektronisches Labor. Bücher waren kleine Kristalle mit gespeichertem Inhalt. Lesen konnte man sie mit Hilfe eines Optons. Der sah einem Buch sogar ähnlich, allerdings mit nur einer einzigen Seite zwischen den Einbanddeckeln. Berührte man dieses eine Blatt, so erschienen nacheinander die Textseiten in ihrer Reihenfolge. Aber es wurde – wie mir der Roboter-Verkäufer sagte – von den Optonen wenig Gebrauch gemacht. Das Publikum zog die Lektonen vor – sie lasen laut vor, und man konnte sie auf eine beliebige Stimmart, Tempo und Modulation einstellen.“

Lems bekanntestes Werk ist wohl Solaris, 2002 mit George Clooney in der Hauptrolle erneut verfilmt. Auch wenn Lems „Kosmonauten“ oft mit viel Schmieröl und einem Werkzeugkasten voller Schraubenschlüssel daherkommen, hat der Autor noch viele weitere Denkanstöße zu technischen Innovationen gegeben. So erdachte er etwa intelligente, vernetzte Umwelten, die ihre Bewohner vor Unfällen bewahren, in dem sie sich flexibel anpassen. Die urbane Welt in „Transfer“ erstreckt sich über viele unterirdische Stockwerke, an deren Decken Bilder des Himmels projiziert werden.

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